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Interview

Interview Christian Huber vom OVB mit Dr. Martin Weiß

Günter Bugl, Organisator von b-xpressed, hat an Rosenheimer Hauptschulen das "Strongman-Projekt" gestartet. Es wird von Schülern und Lehrern begeistert angenommen. Egal ob dick oder dünn, sportlich oder bewegungsfaul soll das Programm allen Schülern zu einer besseren Fitness verhelfen. Das OVB befragte Dr. med. Martin Weiß, Experte für Medizinische Kräftigungstherapie, nach dem Sinn von Kraffttraining im Schulsport.

Frage: Das Strongman-Projekt ergänzt an einigen Haupt- und Realschulen im Landkreis den Sportunterricht? Was bringt Krafttraining für die Schüler?
Dr. Weiß: Krafttraining baut Muskelmasse auf. Starke Muskel stützen Rücken, Nacken und Gelenke. Die Bewegungsfreude steigt, die Verletzungsgefahr sinkt. Eine aufrechte Haltung und eine straffe Figur stellen sich. Energieverbrauch und Stoffwechselaktivität nehmen zu. Die Gewichtskontrolle gelingt mit starken Muskeln viel besser. In den Muskeln wird überschüssige Energie verbraucht. Muskeln statt Fett ist die Devise.

Frage: Lassen sich diese Erfolge nicht auch durch Radeln oder Bergwandern erreichen?
Dr. Weiß: Radeln und Wandern sind Ausdauersport, also Training für Herz- Kreislauf und Stoffwechsel. Kraft bekommen Sie dabei höchstens in einzelnen Muskeln. Gutes Beispiel sind die strammen Beine der Bergradler. Die übrigen Muskeln profitieren kaum.

Frage: Welchen Platz soll Krafttraining im Schulsport haben?
Dr. Weiß: Für eine gesunde körperliche Entwicklung brauchen Kinder Kraft, Beweglichkeit, Koordination und Ausdauer. In allen Bereichen gibt es große Defizite. Deshalb muss der Unterricht auf diese vier "Grundfunktionen" ausgerichtet sein.

Frage: Warum steht die Kraft im Strongman-Junior Cup im Vordergrund, wenn es für eine gute Entwicklung des Körpers vier gleichwertige Ziele gibt?
Dr. Weiß: Mit der Kraft hapert es heutzutage am meisten und Kraft ist die Grundlage für alle anderen Fähigkeiten des Bewegungsapparats. Ein anschauliches Beispiel sind die vielen überbeweglichen jungen Mädchen mit ständigen Rücken- und Nackenschmerzen. Die tolle Beweglichkeit nützt nichts, wenn den (zu) gut beweglichen Gelenken muskuläre Stütze fehlt.

Frage: Wie hängen Kraft und Ausdauer zusammen?
Dr. Weiß: Beides ist wichtig! Das Programm von Strongman-Junior ist gar nicht einseitig. Es fördert neben der Kraft auch Ausdauer und Koordination. Das gilt besonders für Untrainierte. Mit dem Training wollen wir den jungen Menschen aber auch sportliche Aktivität schmackhaft machen: mit gut trainierten "Werkzeugen" macht Sport mehr Spaß, die Leistungen werden besser und das Verletzungsrisiko sinkt. Krafttraining ist optimale Sportvorbereitung. Ohne Kraft gibt es auch keine Ausdauer.

Frage: Gibt es im Strongman-Junior Cup auch Risiken für die Gesundheit?
Dr. Weiß: Wie jeder Sport muss Krafttraining sorgfältig aufgebaut werden. Mit steigender Beanspruchung steigt die Belastbarkeit. Verletzungen oder Überlastungen sind sehr selten, wenn sich die Schüler an die Regeln halten. Kraftübungen müssen deshalb exakt angeleitet und überwacht werden. An der Fürstätter Hauptschule gibt es die umfangreichsten Erfahrungen mit dem Projekt. Weder Unfälle noch Überlastungsreaktionen trüben die aus Sicht der Lehrer positiven Erfahrungen. Der Gesundheitszustand der Schüler wird besser und das Selbstbewusstsein steigt. Gefährlich ist nicht das Training. Viel gefährlicher ist es nicht zu trainieren!

Frage: Wie ist das zu verstehen?
Dr. Weiß: Die Welt in der wir leben bietet den jungen Menschen nicht mehr genügend Reize für den Aufbau einer stabilen und belastbaren Körpersubstanz. Das betrifft Muskeln, Sehen, Bänder, Knorpel und Knochen. Nur wenn der Körper gefordert wird baut er auf. Schonung führt zum Verlust von Substanz. Am deutlichsten ist das Zusammenspiel von Beanspruchung und Körpersubstanz bei Astronauten zu beobachten: in der Schwerelosigkeit wird der Bewegung kein Widerstand entgegen gesetzt. Jede Bewegung ist mühelos. Nach drei Monaten haben Astronauten Muskelschwund und Osteoporose obwohl sie zu Beginn der Reise topfit sind.

Frage: Was haben Astronauten mit Schülern zu tun?
Dr. Weiß: Das Prinzip bleibt gleich. Es ist egal, warum Sie sich schonen. Ob es wegen der Schwerelosigkeit ist oder wegen ständigem Sitzen in der Schule, vor dem Fernseher, dem Computer oder im Auto. Der Mangel an körperlicher Anstrengung hat immer die gleichen Folgen: Substanz geht verloren.

Frage: Die Schule kann nicht alle Probleme lösen. Stehen nicht erst einmal die Eltern in der Pflicht, für die Gesundheit ihrer Kinder zu sorgen?
Dr. Weiß: Natürlich stehen die Eltern in der Pflicht. Sie haben aber oft das gleiche Problem wie ihre Kinder: schlappe Eltern – schlappe Kinder, da können Appelle kaum Abhilfe schaffen. Nur wer sich in der Kindheit viel bewegt wird später Lust auf Bewegung haben. Die Schule kann auch hier für Chancengleichheit sorgen.

Frage: Wohin soll sich nach Ihrer Meinung der Schulsport entwickeln?
Dr. Weiß: Für die optimale Förderung der körperlichen, sozialen und geistigen Entwicklung brauchen wir nach heutiger Kenntnis der Wissenschaft fünf Sportstunden pro Woche mit gleichwertiger Förderung von Kraft, Ausdauer und Koordination. Die Null-Nummer Sportunterricht, mit der die Schulen heute leben müssen, kommt die Gesellschaft auf lange Sicht teurer.

Dr. med. Martin Weiß
Arzt für Allgemeinmedizin-Chirotherapie
Tätigkeitsschwerpunkt: Medizinische Kräftigungstherapie

 

www.strongman-project.de